Scheer, Udo: Zeitrisse

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Scheer, Udo
Zeitrisse
Einwürfe Eingriffe Gespräche Geschichten.
ISBN: 3-936389-70-5
348 Seiten,

14,80 €

Der Prozess der deutschen Einheit - Wer erinnert sich heute noch daran, was die Medien vor zehn Jahren auf-deckten - und sei es noch so spektakulär gewesen? Überschüttet mit einer Vielzahl von Nachrichten erschien fast jede nach fünf Jahren wieder wie neu. Das ist der Humus, auf dem sich Vergangenheit, geschickt schön schreiben lässt.
Längst entwickelt sich ein bemerkenswerter Trend. Mal wird dieses verschwundene Land DDR als reizvolle Alter-native zu gegenwärtigen Irritationen weitergedacht, mal wird es ein wenig absurd, aber mit hohem Belustigungs-wert für den gesamtdeutschen Unterhaltungsmarkt aufbe-reitet.

Und irgendwann fragen wir uns: weshalb überhaupt der Umbruch 1989, weshalb der Enormes abverlangende Weg in die deutsche Einheit, mit soziologischen Zäsuren ähnlich denen nach dem Dreißigjährigen Krieg? Der Ton ist angeschlagen. Diese Sammlung verstreut publizierter Einwürfe und Porträts, Gespräche und Ge-schichten gibt Antworten und entwirft ein Panorama unse-rer jüngsten Zeit.
Udo Scheer: Zeitrisse. Einwürfe Eingriffe Gespräche Geschichten.

Ostthüringer Zeitung vom 14.06.03
Mitten im Zeitriß Udo Scheer: Texte zur deutschen Einheit.

„Wir sind das Volk“ - ein Satz der Weltgeschichte schrieb. Mit den Ereignissen im Herbst 1989 veränderte sich die politischen Verhältnisse in der DDR, eine Regierung trat zurück, fiel die Berliner Mauer und öffneten sich die Grenzen. Was kam danach? Udo Scheer der in Stadtroda lebende Autor und Publizist, hinterfragt in seinem neuen Buch „Zeitrisse“ den Prozeß der deutschen Einheit. Mit Texten aus den Jahren 1994 bis 2002, zumeist in der Tagespresse und in Zeitschriften veröffentlicht, wirft er einen Blick zurück auf stattgefundene Veränderungen. „Inzwischen entwickelt sich eine bemerkenswerter Trend. Mal wird dieses verschwundene Land DDR als reizvolle Alternative zu gegenwärtigen Irrationen weitergedacht, mal mir hohem Belustigungswert für den gesamtdeutschen Unterhaltungsmarkt aufbereitet. Und wer weiß, möglicherweise gleicht das Erinnerungsbild im medialen Beschleuniger demnächst dem Galliens von Asterix und Obelix“, schreibt Udo Scheer in den Einführung. Der Band sammelt Einwürfe, Eingriffe, Gespräche und Geschichten, in fünf Kapitel geordnet, darunter ein Porträt des Greizer Dichters Günter Ullmann („Die Sonne hat vier Ecken“), Texte über Gabriele Stötzer, Utz Rachowski und Freya Klier. Erinnert wird an Jürgen Fuchs, „Ein sensibler Streiter wider die Landschaften der Gleichgültigkeit“, Die „Stasi und kein Ende“, die Doping-Praxis in der DDR und „Ost-westliche Befindlichkeiten“. „Ein Sumpf zieht am Gebirge hin“ nennt Udo Scheer seine Ausführungen zu Peter Wawerzlneks Buch „Sperrzone, Reines Deutschland“, abgedruckt im letzten Kapitel, dazu u.a. Gedanken über „Das Thierse-Papier und die Chefsache Ost“ und ein Interview mit der Sachbuchautorin Alexandra Cavolius („Europas Afghanistan vor der Haustür“).

Angelika Schütte

 

Lutz Rathenow (Berlin) in einem Beitrag für den MDR über das Buch von Udo Scheer

Ein Panoptikum des gern Verdrängten

Udo Scheers Buch beginnt mit einem Beispiel. Da tauchen zwei Jugendliche auf, die sich fragen, was Stasi sein könne. „Vielleicht ein Müsli?“ mutmaßt der eine. Sicher fehlte dem ein Lehrer, der Bücher wie das vorliegende liest. Udo Scheer stammt aus Thüringen und arbeitete bis zur Wende als Konstrukteur. Und er schrieb Literatur. Und er gehörte zu jener aus heutiger soziologischer Sicht so ungewöhnlich gemischt wirkenden Gruppe von jungen Leuten, die vor genau dreißig Jahren den Arbeitskreis Literatur und Lyrik in Jena als einen der ersten subkulturellen Zirkel neuer Art in der DDR etablierten. Als sein Gründer und Leiter bis zum faktischen Verbot 75 kann ich nur bestätigen, dass Scheer mit seinen literarischen Texten und absurden Erfahrungen aus der Wirtschaft von Anbeginn eine profilgebende Rolle spielte. Über diesen Kreis und die Jenaer oppositionelle Szene danach schrieb er ein Buch im Christoph Links Verlag und sich damit in die erste Reihe der DDR-Analytiker hinein. Sein neues Buch wendet sich der Gegenwart zu und dem, wie Vergangenes in ihr fortwirkt. Der Autor ist auf unterschiedliche Weise präsent. Zurückhaltend als Interviewer in mehreren Gesprächen. Sehr intensiv in den über die 350 Seiten immer wieder auftauchenden literarischen Texten. Sie geben Auskunft von Menschen, über die der Leser gern mehr erfahren würde. Das gilt für den Schriftsteller Sim Saal aus den Zeiten der DDR genauso wie über einen heute in einer thüringer Kleinstadt ins rechte Milieu abdriftenden Tobias. Udo Scheer kann kräftig und direkt erzählen. Politische Zusammenhänge erhalten ein Seelenleben und kontrastieren geschickt mit der politischen Prosa im übrigen Band. Sein Titel „Zeitrisse“. Schon die Untertitel verraten Offenheit und ungelöste Fragen gleichermaßen.: „Einwürfe Eingriffe Gespräche Geschichten“. Es ist auch das Lesebuch eines freien Autors, der sich durch die für ihn vorhandenen medialen Möglichkeiten schreibt. Eine spannende Auskunft über einen unabhängigen Beobachter, der unbequeme Fragen zur DDR-Geschichte und ihrer Gegenwart heute stellt. Udo Scheer blieb in der Thüringer Provinz und wurde nicht nur als Gründungsvorsitzender der Geschichtswerkstatt Jena zu einem d e r Aktivisten um Klärung der DDR-Vergangenheit. Nein, „ein Panorama unserer jüngsten Zeit“ – wie auf dem Buchumschlag behauptet – bietet der Thüringer Schriftsteller und Publizist nicht. Zum Glück nicht. Er liefert mehr als einen hingemutmaßten Gesellschaftsüberblick. Udo Scheer versammelt Texte zu einem Panoptikum des Verdrängten, Unbequemen, Unbehaglichen aus der DDR-Geschichte und darüber hinaus. Staatssicherheit, Doping, wirtschaftliche Vereinigungskriminalität, spezifische Ursachen für Rechtsradikalismus in den neuen Bundesländern – die Liste ließe sich verlängern. (Der Autor nähert sich immer wieder seinen Themen. Es sind skurrile und komische Geschichten darunter, wenn er auch Bücher anderer vorstellt. Geschickt komprimiert, wenn er etwa Freya Kliers Reportage über eine sich zur DDR-Agentin verwandelnde Westjägerin zusammenfasst. „Hubertas Leistung, Kartenmaterial, Informationen über die 8. Panzerbrigade, über Grenzanlagen und Gorlebendemonstranten wird aufgewogen mit: 1 Waidbesteck für 960 D-Mark, 1 Hirsch, 6 Wildschweine, 11 Rehe, 1 Fasan, 3 Hasen, 1 Ente, 2 Kaninchen. Das alles bereits im ersten Jahr. Später liefert sie auch ihre Patientenkartei samt Kurzcharakteristiken. Einzig ihre entflammten Gefühle für die beiden Stasi-Männer bereiten dem Einsatzstab Probleme.“ Warum eigentlich, fragt sich da der Leser. Denn an anderer Stelle in einer anderen Geschichte berichtete Scheer plausibel über die Romeo-Agenten der DDR. Sozusagen über den Sex als höhere Form von Klassenkampf. Da wünschte man sich die beiden Geschichten verglichen.)

Verknüpfungen liefern eher die längeren Beiträge des Bandes. Etwa die glänzende Reportage über den Autor Alexander Raimond. Oder Scheers informativer Essay zur Literatur der neunziger Jahre in Deutschland. Scheer will nicht nur entlarven, er möchte auf Menschen hinweisen, sie uns nahe bringen. Einfühlsame Porträts der Schriftsteller Günter Ullmann und Gabriele Stötzer regen zur Lektüre an. Jürgen Fuchs wird gleich in mehreren Beiträgen lebendig geschrieben. (Sätze aus den Porträts finden sich auch in dem längeren Aufsatz zur Literatur nach der Wende wieder. Udo Scheer weist als redlicher Autor alle Veröffentlichungsquellen aus und retuschiert nichts an den Abdrucken. Das führt zwangsläufig zu Wiederholungen und geht ein wenig auf Kosten der Leserfreundlichkeit. Ein generelles Problem von Sammelbänden, auch wenn sie genau komponiert sind wie der vorliegende. Man könnte die „Zeitrisse“ gut als Gegentext zu dem allerorts grassierenden DDRismus lesen. Wäre da nicht Scheers Interesse an den Fragen der Menschenrechte über die deutschen Landesgrenzen hinaus. Kurzum: an Gegenwartsauseinandersetzung. Der in dieser Hinsicht interessanteste Text des Buches ist zugleich sein formlosester: ein Briefwechsel mit dem Chefredakteur von „Liberal“, Barthold C. Witte. Ost trifft West und streitet besonnen und engagiert. Hier glänzt Scheer mit Detailwissen und Sachkompetenz, er kommt aus der Wirtschaft und hat am eigenen Betrieb erlebt, was zu den bitteren Seiten der deutschen Vereinigung gezählt werden muss. Gekonnt endet Udo Scheer mit zwei Texten über Südafrika und Tschetschenien. Auferstanden aus den Ruinen der DDR-Geschichte, wendet er sich von ihr nicht ab und der Welt trotzdem zu.