Hardecker, Karl: Totentanz

Autor: 

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Hardecker, Karl
Totentanz
Erzählung
Geest-Verlag, Vechta-Langförden, 2006
ISBN 978-3-86685-003-3
132 Seiten

10 Euro

Eine der sicherlich bemerkenswertesten Erzählungen, die in den letzten Jahren erschienen sind, in der Erzählqualität an das Werk Heinz Kruschels und anderer großer Erzähler erinnernd, erscheint nun auf dem Buchmarkt. In aller schockierenden Offfenheit geht es um die andere Geschichte Deutschlands, um die sozialer Deklassierung, Ausgrenzung und Sterben in Verelendung, um Liebe und nicht vorhandene Anerkennung am Beispiel einzelner Menschen einer Familie. Totentanz ist das Leben, das auch in der Bundesrepublik existent war und ist, wenn die Mechanismen bürgerlicher Integration nicht funktionieren. Auch sprachlich ist diese Erzählung - bei aller Härte der sozialen Wirklichkeit, die sich auch in der Sprache spiegelt - ein Lesegenuss, fesselnd von der ersten bis zur letzten Seite. Ein Buch, das man nicht mehr aus der Hand legt, hat man erst einmal angefangen zu lesen.
Karl Hardecker
geb. 1956 in Ehingen/Donau. Aufgewachsen auf einem Bauernhof auf der Schwäbischen Alb, Besuch des Gymnasiums in Ehingen/ Donau, Studium der ev. Theologie in Tübingen, Heidelberg und Amsterdam.
Verheiratet mit Silvia Hardecker seit 1985, zwei mittlerweile erwachsene Söhne,
Gemeindepfarrer in Stuttgart-Dürrlewang seit 1991, Promotion zum Dr. Theol. 2005 in Basel mit einer Arbeit über Hölderlin und Augustinus.
Veröffentlichungen im Bereich von Theologie und Gemeindearbeit.

Leseprobe:

Der Motor heulte auf, die Räder drehten durch, die Bremslichter leuchteten in schneller Folge den Schnee an, in dem der Laster steckte. Felten warf seine Bettdecke zurück und trat ans Fenster. Sein Vater stand auf der Entladerampe und gab dem Fahrer Zeichen. Dieser schien ungeduldig das Pedal durchzutreten, denn die Räder gruben sich noch tiefer in den Schnee. Der Vater winkte ab, worauf der Fahrer ausstieg und zur Laderampe stapfte. Felten hörte seinen Vater fluchen. Der Fahrer ging zur Hecktür seines Lastwagens, die er nun öffnete, um im Innern des Wagens zu verschwinden. Kurze Zeit später wuchtete er eine Schweinshälfte nach draußen. Der alte Felten nahm ihm die Schweinshälfte ab und schleppte sie zu der Rampe. Instinktiv griff Felten nach seinen Kleidern, um sich anzuziehen und zu helfen. Da wurde ihm klar, dass der Transport vor ihm geheim gehalten werden sollte. Er legte seine Kleider zurück auf den Stuhl und trat erneut ans Fenster. Nun sah er, dass es ein niederländisches Fahrzeug war. Auf diese Weise wollte sein Vater also die Konkurrenz mit dem neu errichteten Großmarkt aufnehmen. Er hatte sich schon über die weit heruntergesetzten Fleischpreise gewundert. Jetzt kroch ein zweiter Fahrer aus der Kajüte.
Der Lastwagen musste nun wohl schon zur Hälfte entladen sein. Mit einem weiteren Versuch bezwang der Laster tatsächlich die Schneemauer. Feltens innere Unruhe wuchs. Seine Uhr zeigte bereits auf Mitternacht.

Er zog sich an und verließ mit hastigen Schritten das Haus. Im ‚Goldenen Ochsen’ brannte noch Licht. Am Stammtisch saßen zwei Gäste. Gabriele lehnte gelangweilt hinter der Theke. „Je später der Abend, je interessanter die Gäste!“

Felten setzte sich. Er komme spät. Das meiste sei schon gelaufen. Die Stimme des anderen klang müde und angetrunken. Felten nickte ihm zu und griff nach seinem Glas, das ihm die Bedienung eben gebracht hatte. Sie hockte sich neben ihn und bot ihm eine Zigarette an. Die beiden anderen Gäste erhoben sich und tappten zum Ausgang.

„Bist du meinetwegen hergekommen?“

Felten hob die Schultern und trank. Er spürte diese Kraft in sich, die ihm schon unheimlich vorgekommen war. Sie lade ihn noch zu einem Whisky ein. Er spürte ihre Hand auf seinem Arm und ließ sich von der Frau die Treppe hinaufführen.

„Komm, setz dich her. Wir wollen es uns bequem machen.“ Er solle sie anschauen. Sie glaube fast, er habe sich in sie verliebt. Felten sah ihr in die Augen. Ihre Wendigkeit erregte ihn. Er müsse nicht denken, dass sie mit allen Männern schlafe. Aber ihm sehe sie es an, dass er in sie verliebt sei. Sie zündete eine Kerze an und machte das Licht aus.

„Küss meine Hand!“ Felten fasste nach ihren Fingern und zog sie an seinen Mund. Etwas hämmerte hinter seinen Schläfen. Sie nahm seine Hände und legte sie auf ihre Brüste. „Du bist ja richtig verliebt in mich, so wie du mich anfasst! Warte, ich ziehe mich aus!“

Felten starrte auf die brennende Kerze. Von weitem sah er ihr zu, wie sie sein Hemd öffnete. Aus der Ferne hörte er ihr Stöhnen und ihre auffordernden Rufe. Er sah sie erst wieder, als ihn sein Ohr schmerzte. Er sei ja ein feuriger Liebhaber. Das habe sie schon früher gedacht. Sie kicherte und räkelte sich auf dem Teppich.

Wenn er hungrig sei, könne er ja zum Kühlschrank gehen und sich etwas holen.

Felten stand auf. Er tappte zur Küche, um den Kühlschrank zu suchen. Er ging darauf zu und öffnete ihn. Er musste lange vor dem geöffneten Kühlschrank gestanden haben, denn Gabrieles Rufe klangen ungeduldig. Warum er sich denn nichts nehme. Da seien doch alles leckere Sachen. Ob sie ihm vielleicht bekannt vorkämen. Sein Vater habe sie ihr neulich geschenkt.

Ein Kübel voll eiskalten Wassers ergoss sich über ihn und lief ihm vom Hinterkopf die Wirbelsäule hinunter. Warum er denn nichts bringe. Sie habe auch Hunger wie er. Er warf sich auf sie und begann sie zu würgen. Erst der stechende Schmerz in seinem Geschlecht ließ ihn aufhören. Die Frau schnappte nach Luft. Ihre Augen waren vor Entsetzen geweitet. Sie keuchte und röchelte. „Das wirst du mir bezahlen, du Schwein!