Riti Makkar Ich sehe mich als Deutsche (Jugendliche melden sich zu Wort)

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Ich sehe mich als Deutsche

1984 ist das Jahr, in dem meine Eltern flüchteten. Sie flüchteten aus ihrer Heimat Afghanistan, um woanders ein besseres Leben zu führen. Meine Brüder waren damals noch klein, aber auch sie waren ein Grund für meinen Vater, aus Afghanistan zu flüchten. Im Dezember 1984 begann das neue Leben für meine Eltern und meine Brüder. Sie kannten die deutsche Sprache nicht, die Kultur nicht und vor allem die Art zu leben, die hier in Deutschland üblich ist, nicht. Jedenfalls bemühten sie sich sehr, sich anzupassen und ein normales Leben zu führen.
Im Jahr 1986 wurde ich in der Stadt Essen gebo-ren, in der Stadt, in der ich lebte und noch lebe. Ich wuchs zwischen und mit zwei verschiedenen Kulturen auf.
Von klein auf musste ich meine Muttersprache so-wie die deutsche Sprache, die ich auch als meine Muttersprache sehe, erlernen, um sie zu beherr-schen. Ich ging in den Kindergarten, zur Grund-schule, zur weiterführenden Schule und bin jetzt in der Sekundarstufe II. Meine Freunde, meine Familie, sie alle sind hier. Für mich ist Deutschland meine Heimat, mein Zuhause, ich kenne nichts anderes. Ich lebe hier eine andere Religion und Kultur aus, aber trotzdem sehe ich mich als Deutsche, was so manche nicht akzeptieren können. Es gibt Menschen hier, die einfach nicht wollen, dass meine Familie und ich uns hier wohl fühlen. Der schlimmste Vorwurf wurde mir deshalb am 12. September 2001, ein Tag nach dem Attentat auf das World Trade Center gemacht. Mir wurde vorgeworfen, dass meine Landsmänner Amerika kaputt gemacht hätten. In dem Moment fühlte ich mich hier unwohl, aber nur für einen kurzen Moment. Ich dachte nur, warum wird von „meinen Landsmännern“ gesprochen! Ich lebe doch hier in Essen und die Deutschen sind meine Landsmänner. Für mich ist Deutschland mein Land, doch in dem Moment kam ich mir in meinem eigenen Land fremd vor. Nur weil meine Hautfarbe und Haarfarbe nicht der vieler Deutscher entspricht, soll ich mich in dem Land, in dem ich aufgewachsen bin, fremd fühlen?
Für mich ist dies meine Heimat und mein Zuhause. Mag sein, dass es manchen nicht passt, dass ich Deutschland als mein Vaterland ansehe, aber ich fühle mich hier zuhause. Ich kann sagen, dass ich vielleicht fremd aussehe, aber hier zu Hause bin.

Riti Makkar (19 Jahre)